2010 - Der Ijsselmeer-Radweg

333 km gegen den Wind!


Holland ist flach. Das ist eine Tatsache. Also sollte die Umrundung des Ijsselmeers bis auf die Länge der Strecke kein großes Problem darstellen. Nur hatten wir nicht den Wind mit einkalkuliert. Einmal mehr wurde uns klar: "Der Wind ist der Berg des Nordens..."

 

1. Etappe - Von Kampen nach Huizen - 93 km

Früh morgens als der Wecker klingelte, galt der erste Blick, wie immer bei einer voranstehenden Radtour, dem Wetter. Es nieselte leicht. Dieses Mal trübte das aber keinesfalls unsere Stimmung, denn wir wollten ja nicht von hier aus losfahren, sondern im über 500 km entfernten Kampen in Holland losfahren. Da sahen die Aussichten nicht nach Regen aus. Wir freuten uns auf eine entspannte und gemütliche Tour ohne Steigungen und Berge. Rund ums Ijsselmeer, 400 km, alles eben – lächerlich. Wir bestiegen das am Vortag bepackte Auto mit den Rädern auf dem Heckträger und fuhren erwartungsvoll und gut gelaunt in Richtung Norden. Knappe vier Stunden sollte die Fahrt bis zu unserem ersten Zwischenstopp in Nordhorn dauern. Wir stellten uns in blühenden Farben vor, was wir noch abseits der Strecke alles mitnehmen sollten. Eine Fahrt über die Inseln an der Nordsee, Besichtigung der schönen Städte Gouda & Edam, den Käsemarkt in Alkmaar oder vielleicht doch lieber einen Stadtbummel durch Amsterdam. Zeit hätten wir ja genug. Die Strecke war vom Höhenprofil ja etwas für Anfänger und wir hatten uns deshalb so um die 100 km am Tag vorgenommen, also so was um die fünf Stunden Fahrzeit. Der Rest vom Tag, zur freien Verfügung. Das sollten wir locker hinkriegen… Wir erreichten planmäßig nach gut vier Stunden unseren alten Bekannten in der Nähe von Nordhorn. Nach einem Begrüßungs-Kaffee verloren wir keine Zeit und machten uns gemeinsam mit unserem Bekannten auf den Weg nach Kampen in Holland. Er sollte unser Auto später wieder mit zurück nach Deutschland nehmen und uns in drei Tagen wieder nach unserer erfolgreichen Umrundung wieder in Kampen abholen. So mussten wir unser Auto nicht irgendwo in Holland parken. In Kampen angekommen machten wir uns gleich daran, die Räder für die Abfahrt fertig zu machen. Wir schnallten das Gepäck auf und zogen unsere Radklamotten an. Wir verabschiedeten uns von unserem Bekannten und fuhren die ersten Meter auf holländischem Boden. Wir fanden den Ijsselmeer Radweg und nach kurzer Diskussion in welche Richtung wir fahren sollten, entschieden wir uns für die Mädchenvariante. Also im Uhrzeigersinn um das Ijsselmeer. So sollten wir zu der durchgehend flachen Strecke auch noch mit dem üblichen, leichten Nordwestwind im Rücken verwöhnt werden. Das Wetter war nicht so toll, wie erwartet, sondern präsentierte sich in einheitlichem Grau. Na, wenigstens regnete es nicht. Wir liebten die Tour schon jetzt. Es rollte wie von allein. Mir machten Strecke und fuhren über De Roskam auf nahezu schnurgeraden Strecken zwischen den weitläufigen Feldern hindurch. Ab und zu war mal ein Aussiedlerhof der die Weite unterbrach. Wir fuhren an kleinen und größeren Wasserläufen und Gräben entlang auf einer Art Deich. Wir kamen gut voran und erreichten sogar Geschwindigkeiten an die 30 km/h. Nur der Wind kam noch von vorn. Aber das würde sich ja sicherlich bald ändern wenn wir Richtung Amsterdam fahren würden. Wir fuhren über die Brücke und durchquerten Elburg. Ein schönes Dörfchen mit den typischen kleinen Klinkerhäuschen und rot glänzenden Pflasterstraßen. Wir fuhren entlang des Drontermeers auf einer von hohen Pappeln gesäumten Straße. Es wurde immer dunkler bis plötzlich der Regen einsetzte. Wir suchten unter den Bäumen Schutz und warteten eine Weile in der Hoffnung es würde aufhören. Es hörte natürlich nicht auf, aber es wurde etwas weniger und so fuhren wir mutig weiter. Es ging über Lage Bijssel, vorbei an ´t Hui bis nach Harderwijk. Klitschnass machten wir dort eine Pause und zogen trockene Sachen an. Wir nutzten die Pause und stärkten uns mit einer Portion Kibbeling, ein typischer Snack aus gebackenen Seelachsstreifen und Remouladensoße, den man fast überall in den Küstenorten von Holland am Imbisswagen bekommen kann. Wir beobachteten noch eine Hochzeitsgesellschaft, die sich genau wie wir über den andauernden Regen ärgerte, schließlich stand ein knallrotes, offenes Cadillac-Cabrio vor dem Standesamt. Die Brautleute störte das gar nicht. Glücklich lächelten sie in die Kameras der Fotografen. Wir taten es Ihnen gleich, lächelten und bestiegen unsere Räder um die noch trockenen Kleider wieder etwas anzufeuchten. Wir passierten das Dolphinarium und fuhren entlang des Veluwerandmeeres, dessen Küste schon die ersten Ausläufer des IJsselmeeres bildeten. Es ging schnurgeradeaus, der Wind frischte wieder auf und blies die dicken Regenwolken durcheinander, so dass es nur noch ein wenig nieselte. Ein Gutes hatte der Gegenwind, er trocknete die mittlerweile nassen Kleider wieder ein wenig, aber kam er uns immer noch entgegen? Das sollte er doch laut Radführer nicht? Wir ließen uns den Mut nicht nehmen und strampelten munter weiter. Nach einer Weile sahen wir auf der rechten Straßenseite ein weißes Fahrrad in der Ferne, das wohl etwas zu groß geraten war. Richtig, je näher wir kamen, desto größer wurde das Fahrrad. Es war wohl eine Art Skulptur, die zu Ehren der „Zuiderzee-Fietsroute“ am Wegrand errichtet wurde. Das Kunstwerk war locker 4 – 5 m hoch und wir ließen es uns nicht nehmen, auf dem Überdimensionalen Teil Probe zu sitzen. Schnell erinnerte uns der einsetzende Regen, dass wir noch einige Kilometer vor uns hatten. Wir fuhren weiter über die Schleusenbrücke von Nijekerk, bis nach Eemdijek. Dort ging es nicht mehr weiter. Vor uns lag ein kleiner Fluss mit einer Fähre, die auf der anderen Seite festgemacht war. Wir wollten schon eine Ausweichroute suchen, da setze die Fähre plötzlich zu uns über. Holland ist halt doch ein fahrradfreundliches Land. Vielleicht war dem Fährmann aber auch langweilig und wir kamen als Abwechslung gerade recht. Auf der Überfahrt bemerkte er, dass wir Deutsche waren und schon gingen die Diskussionen über Fußball los. Naja, schließlich war ja gerade WM und ganz Holland schien Orange zu sein. Wir plauderten angeregt über dies und das und das bevorstehende Fußballspiel der Holländer und zum Schluss konnten wir den Fährmann überzeugen noch ein Foto von uns zu schießen. Währenddessen kamen wir total vom Kurs ab und steuerten in einem 45° Winkel auf das Ufer zu. Der Fährmann war so auf das Foto konzentriert, dass er dies gar nicht bemerkte. Jedes Mal, wenn wir versuchten, ihn darauf aufmerksam zu machen, rief er nur „neem smile, neem smile!” Um die Sache abzukürzen setzten wir unser Sonntagslächeln auf und nachdem der Fährmann umständlich den Auslöser gefunden hatte, gestikulilerten wir heftig und zeigten auf das nahende Ufer. Der Fährmann gab uns hastig die Kamera zurück und kurbelte hektisch am Steuerrad, schaltete in den Rückwärtsgang und gab ordentllich Gas um nicht auf Grund zu laufen. Puh, noch mal g utgegangen. Grinsend, mit einer unverständlichen Bemerkung über die deutsche Fußballmanschaft verabschiedete er uns und winkte uns noch nach. Die 50 Cent für die Überfahrt waren gut angelegt, so etwas erlebt man nicht alle Tage.... Weiter ging es durch unendliche Wiesen und Felder, durchzogen von unzähligen Wasserläufen, ab und zu mal ein kleines Brückelchen und dann wieder Wiesen, Wiesen, Wiesen. So zog sich die Strecke und der Wind forderte uns alles ab. Zwischendurch wurden wir immer wieder nass und wir waren schon gefühlte Ewigkeiten unterwegs. Langsam sollten wir uns auch um ein Nachtquartier kümmern. Es war schon nach 17:00 Uhr aber es war weit und breit keine Ortschaft zu sehen. Wir fanden uns plötzlich inmitten der Wildnis wieder, der Radweg endete abrupt und wir standen mitten auf der Wiese. Wohin nun? Etwas weiter vorn stand eine Frau mit Feldstecher, wir schoben die Räder weiter, bis die Frau uns bemerkte und winkend auf uns zugelaufen kam. Zunächst relativ barsch teilte Sie uns unmissverständlich mit, dass wir mitten im Vogelschutzgebiet mit den Rädern nichts zu suchen hatten Etwas freundlicher, zeigte Sie uns dann den Weg, als sie merkte, dass wir, erstens die Sprache nicht wirklich verstanden und zweitens wir uns nur verfahren hatten. Missmutig machten wir uns auf den Rückweg, natürlich wieder gegen den Wind. Komisch, auf dem Weg ins Vogelschutzgebiet kam der doch auch schon von vorn… Nach einer gefühlten Ewigkeit erblickten wir die ersten Häuser von Huizen. Endlich, hier hofften wir auf ein Nachtquartier, aber zunächst mussten wir durch die Stadt. Wir bemühten uns durch den dichten Verkehr und fuhren auf wenig ansehnlichen Pfaden durch das Industriegebiet in Richtung Stadtmitte. Wenigstens waren wir hier windgeschützt. Nach einer Weile Stadtrundfahrt ohne auch nur eine Pension gefunden zu haben, hielten wir an einer Tankstelle an und fragten nach einer Unterkunft. Es gäbe nur ein Hotel in Huizen und Pensionen gäbe es kaum hier und die wären um diese Uhrzeit sowieso schon meist belegt. So die Auskunft. Wir hatten keine Lust mehr und fuhren mit bangen Hoffnungen in die gewiesene Richtung. Nach einer Weile konnten wir von weitem schon das Newport Hotel Huizen direkt am Ijsselmeer erkennen. Je näher wir kamen umso klarer wurde uns, dass dies nicht die typische Unterkunft für zwei verschwitzte, durstige und müde Radreisende war. Wir passierten das Schmiedeeiserne Eingangstor und fuhren die gekieste Einfahrt entlang durch den parkähnlichen Vorhof. Vorbei an goldenen Löwen und preisgekrönten Rosen. Wir parkten unsere Räder frech zwischen einigen Oldtimern, die glänzend und wie aus dem Laden vor dem Hotel standen. Als wir die glänzende Marmortreppe hinauf stiegen und vorbei an den vier goldenen Sternen die exklusive Lobby betraten, war uns klar, dass wir uns gleich nach einer Alternative umsehen würden müssten. In höflichem Englisch fragten wir, ob denn noch Zimmer verfügbar wären, und wenn ja, wieviel das wohl kosten würde. Mit einem prüfenden Blick auf unser Outfit entgegnete uns die schicke Concierge, es gebe durchaus ein Problem, denn es wäre nur noch ein Zimmer frei…. Dieses hätte aber ein King-Size Bett und wenn wir damit kein Problem hätten, könnten wir es zum Vorzugspreis bekommen, da kurzfristig eine Reservierung abgesagt worden wäre. Wir konnten unser Glück nicht fassen und zu allem Überfluss überreichte uns die nette Dame mit einem Augenzwinkern auch noch den Schlüssel zum Abstellraum, wo wir unsere Räder trocken unterstellen konnten. Nachdem wir unsere Räder abgestellt hatten und mit dem verspiegelten Aufzug bis in die oberste Etage gefahren waren, trauten wir unseren Augen nicht, als wir unser „Zimmer“ betraten. Es schien so, als wäre die komplette, obere Etage nur für uns alleine. Aus dem großen Salon mit Flatscreen und 5.1 Anlage ging es durch eine doppelflügelige Tür in das pompöse Schlafgemach. Neben einem luxuriösen Bad gab es noch eine Gäste Toilette und eine gut ausgestattete Küche. Um das gesamte Appartement zog sich ein Balkon mit einem grandiosen Ausblick auf den Hafen und das Ijsselmeer. Da hatten wir schon schlechter übernachtet… Nach einer Dusche erkundeten wir den benachbarten Hafen mit seinen Lokalitäten. Wir wurden schnell in einer urigen Kneipe fündig und ließen den Abend mit einem Feudalen Essen und einigen Bieren ausklingen. Müde machten wir uns zeitig auf in unser Luxus-Schlafgemach um unseren Gegenwind geschädigten Knochen ein wenig Ruhe zu gönnen.

 

 

 

2. Etappe - Von Huizen nach Horn - 84 km

Die Sonne blinzelte durch die Jalousien, es war noch früh am Morgen und die Erwartung auf einen aufregenden Tag trieb uns aus dem Bett. Die malerische Aussicht auf das Ijsselmeer bei Sonnenaufgang war absolut sehenswert. Wir genossen das im Preis enthaltene Luxusfrühstück mit Champagner, der wohl eher für die Besitzer der parkenden Oldtimer gedacht war, und besprachen die Tagesetappe. Heute sollte es über Amsterdam, Gouda und Horn bis nach Enkhuizen gehen. Wir waren gespannt was uns heute so alles erwarten würde. Wir packten die Räder und fuhren bei Sonnenschein zügig die vom Vortag bekannte Strecke durch den Park zurück und hatten schnell die Zuiderzeeroute wieder erreicht. Es ging flott voran und noch bevor wir übermütig werden konnten, war er wieder da, unser geliebter Reisebegleiter, der Gegenwind. Noch waren wir ausgeruht und kamen gut voran, das Wetter wechselte Sonne mit Wolken ab und ließ keinen Zweifel daran, dass wir heute noch mal nass werden würden. Wir radelten durch die bekannten Wiesen und Wasserläufe bis zum nächsten größeren Ort. Bussum war ein ansehnliches kleines Städtchen mit sehr schönen Parkanlagen und, wie überall in Holland, sehr vielen Wasserläufen und Seen. Wir fuhren durchweg auf gut ausgebauten Radwegen und fühlten uns jederzeit sicher, da in Holland alle Verkehrsteilnehmer extrem radfreundlich unterwegs sind. Die drohenden, dunklen Wolken am Horizont, veranlassten uns zu einem kurzen Stopp und dem Besuch eines Sportgeschäftes um eine neue, dichte Regenjacke zu kaufen. Die alte Jacke hatte trotz frischer Imprägnierung den Wassermassen vom Vortag nicht standgehalten. Wir wurden schnell fündig und fuhren frisch eingekleidet aus Bussum heraus. Der Radweg folgte eine ganze Weile der Hauptrasse und ging später unter der Autobahnbrücke hindurch. Erst am Ortsausgang von Hakkelaarsbrug erreichten wir wieder ein schöneres Teilstück. Dort ging es entlang einer kleinen Straße die von Pappeln gesäumt war, schurgerade, immer gegen den Wind, nach einer gefühlten Ewigkeit nach Muiden. Die Sonne kam noch einmal heraus und bescherte uns einen sehr schönen Ausblick auf das Castel Muiderslot in der Ferne. Noch bevor wir darüber nachdenken konnten, das schöne Castel aus der Nähe zu betrachten mahnte uns der beginnende Regen den Pedalschlag zu erhöhen und eine trockene Unterstellmöglichkeit in der Stadt zu finden. Schließlich wollten wir die neue Jacke nicht gleich auf Ihre Grenzen testen. Wir hatten Glück und konnten uns inmitten der Stadt unter einer Markise eines Souvenirladens unterstellen, bevor der Himmel seine Schleusen öffnete. Nun hatten wir Zeit, uns das Geschehen um uns herum etwas genauer anzuschauen. Wir standen direkt vor der Muizenfort, einer imposanten Schwenkbrücke, die im Dauerbetrieb kleine und große Schiffe durchlassen musste. Der restliche verkehr musste immer solange warten, bis die Brücke wieder zurückgeschwenkt hatte. Das konnte schon mal eine halbe Stunde dauern. Wir schauten eine Weile zu und machten uns, als der Regen etwas schwächer wurde wieder auf den Weg. Wir mussten sehr vorsichtig sein, denn auf den regennassen Pflastersteinen zu fahren, war eine echte Herausforderung. Wir fuhren über eine schöne Hängebrücke aus Muiden heraus und folgten dem Radweg entlang der großen Gracht bis wir wieder auf die Autobahn stießen. Der viele, laute Verkehr war schon der erste Hinweis, dass es bis Amsterdam nicht mehr sehr weit sein konnte. Wir fuhren eine Weile zwischen Autobahn und Ijsselmeer geradeaus und bogen dann nach rechts auf den Radweg ab. Je näher man nach Amsterdam kam, desto besser wurden die Radwege. Tartanbahn gleich, perfekt beschildert und mit Ampelanlagen für die Räder konnte man sich gut vorstellen, dass das Fahrrad die Nummer 1 der Fortbewegungsmittel in Holland ist. Nach einer schier endlosen Geraden, natürlich gegen den Wind, erreichten wir endlich Amsterdam, das uns mit ein paar Sonnenstrahlen empfing. Die hielten leider nicht lange an und wir fuhren über eine nur für Fahrräder gebaute Hängebrücke nach Amsterdam hinein Bei der Abfahrt von dieser Brücke erreichten wir dann den Highspeed des Tages mit knapp 30 km/h und wurden, unten angekommen, so jäh durch den starken Gegenwind abgebremst, dass an lockeres Ausrollen nicht zu denken war. Wir fuhren weiter, überquerten die große Brücke nach Schellingwoude und trotzten Wind und Regen. Weiter ging es aus dem hektischen Treiben rund um Amsterdam bis wir in Durgerdam, dann endlich wieder auf ein typisches, idyllisches kleines Dörfchen stießen. Wir fuhren auf dem Damm, rechts das Wasser, links die winzigen Häuschen, die zwar ein sehr schönes Postkartenmotiv abgaben, uns aber zweifeln ließen, dass innen Platz genug für eine kleine Familie war. Das Wetter kündigte in der Ferne schon wieder die nächsten Regentropfen an und wir spulten die letzten Kilometer bis Waterland routiniert und gegen den Wind ab. Es ging wieder vom Wasser weg, durch schier endlose, saftige Wiesen und über unendlich viele, kleine Brücken die wegen der vielen, schmalen Entwässerungsgräben eine weiterfahren erst ermöglichten. Wir folgten der Zuiderzeeroute die nach Waterland schnurgerade, gegen den Wind nach Nordosten führte. Landschaftlich gab es wenig Abwechslung, was die Strecke noch viel länger erscheinen ließ. Lediglich ab und zu konnte man einen Aussiedlerhof oder ein paar kleine Häuser sehen die in dem vielen Grün fast verloren schienen. Kurz nach Zuiderwoude stießen wir endlich wieder ans Ijsselmeer. Von dort ging es über den Damm bis nach Monnickendam. Die Stadt war gänzlich in Orange getaucht. Überall orangene Wimpel die im Wind flatterten, in jedem Fenster konnte man orangene Trikots der holländischen Manschaft sehen und in den Vorgärten standen Schilder mit „Huip, Huip, Holland“. Wir wollten in der schönen Altstadt eine Tasse Kaffee trinken, parkten die Räder vor einem kleinen Ausflugslokal und nahmen auf der überdachten Veranda Platz. Gegenüber war eine kleine Kneipe. Ein handgemaltes Schild über dem Eingang warb in großen Lettern „Public Viewing!“ Drinnen standen ein kleiner Flachbildschirm und davor geschätzte 100 Personen in Orange. Viele hatten sogar die leuchtorangenen Overalls an, die hierzulande für die Müllabfuhr in Einsatz kommen. Es war kein Platz mehr in der Herberge…. Wir beobachteten das Treiben von der gegenüberliegenden Seite. Wir brauchten keinen Fernseher, erstes war das kleine Teil im Inneren der Kneipe so laut, dass es kurz vor der Belastungsgrenze stand, zum anderen konnte man prima an dem Geräuschpegel der Zuschauer hören, wie Spannend das Spiel gerade war. Es kamen immer mehr Zuschauer in Orange. Zuletzt standen sogar vor der Kneipe die Leute in zwei Reihen und streckten sich, um auf Fußspitzen wenigstens einen kleine Blick durch die winzigen Fenster zu erhaschen. 2:0 - Wir tranken unseren Kaffee aus und machten uns wieder auf den Weg. Auf dem fast menschenleeren, ausgestorbenen Marktplatz bekamen wir an einem Fischstand noch widerwillig eine Portion Kibbeling mit orangen Servierten gereicht. Fast hätte der Verkäufer den Fisch fallen gelassen, so abgelenkt war er von dem laut plärrenden Radio. Wir fuhren weiter über Katwoude bis nach Volendam. Dort waren die Straßen ebenfalls wie leergefegt. Wir klapperten über das Kopfsteinpflaster unter orangen Wimpeln hindurch. Es ging am Yachthafen vorbei, wo ein Kiosk ebenfalls Public Viewing anbot und ebenfalls stark frequentiert war, bis nach Edam. Wir machten eine kurze Rundfahrt durch die menschenleere, historische, orange geschmückte Altstadt und kehrten dem Trubel den Rücken entlang der Küste, vor dem Deich wieder gegen den Wind unzählige Kilometer abzuspulen... Hier und da war mal eine kleine Siedlung oder ein Aussiedlerhof, der kurzzeitig für einen kleinen Windschatten sorgte. Wir genossen diesen Luxus und fuhren durch Waader bis zum Deichbauerdenkmal weiter. Hier erklommen wir den Deich um das Denkmal zu betrachten und wieder mal einen Blick aufs Wasser zu werfen. Fast hätte es uns vom Deich geweht. Während wir unten vor dem Deich über den Gegenwind schimpften, war dies hier oben schon ein regelrechter Sturm. Wir ließen uns die Regenjacken trocken blasen und stiegen wieder auf die Räder. Weiter ging es mit gewohnter Aussicht, links Wiesen und Felder, rechts Deich, vor uns der endlose Radweg und natürlich unser Freund der Wind. Wir fuhren über Etersheim und Schardam nach Scharwoude. Dort war die lange gerade zu Ende und wir fuhren in einer sanften Rechtskurve ins orangene Hoorn hinein. Da Hoorn touristisch besser erschlossen ist als Huizen wurden wir auf der Suche nach einer Unterkunft schnell fündig. Hatten wir am Vortag noch residiert wie die Könige, so mussten wir uns nun mit einer schmalen Abstellkammer zufrieden geben, die so eng war, das zwei Personen nicht stehend aneinander vorbeigehen konnten. Dafür war der Preis für unsere bescheidene Unterkunft alles andere als das. Wurden wir für das gleiche Geld am Vortag mit allen Bequemlichkeiten verwöhnt, so war dieses Hinterzimmer völlig überteuert. Bemerkenswert war auch die „Fahrradgarage“; lockte von der Straße her noch eine stabile und einladende Tür, so waren wir sehr überrascht, was uns hinter dieser erwartete. Ein schmaler Gang führte zu einem kleinen, nicht überdachtem Hof, wo gerade so viel Platz war, dass wir die nackten Räder parken konnten. Vorher mussten wir die Packtaschen abnehmen, sonst hätte es nicht gereicht. Auch der Gang war so schmal, dass wir die Räder, am Lenker rückwärts ziehen mussten. Rechts und links vom Lenker waren geraden noch ein oder zwei Zentimeter auf jeder Seite und so konnten wir nicht neben den Rädern her gehen. Egal, für eine Nacht war es allemal gut, und wir waren ja auch nicht zum Spaß hier. Die warme Dusche stimmte uns wieder versöhnlicher und wir machten uns auf, unseren Hunger zu stillen. Orange war die dominierende Farbe. Da Holland an diesem Tag das Fußballspiel gewonnen hatte, war ganz Hoorn im orangenen Fußballfieber. Überall begegneten uns Menschen in Orange, sogar das Wasser in den Springbrunnen war Orange eingefärbt. Wir haben sogar einen Pudel gesehen, dessen Fell Orange eingefärbt war. Die Stadt war voll und alle Restaurants waren ausgebucht. Nach einer Weile erfolgloser Suche standen wir vor einer urigen Kneipe mit einer sehr verlockenden Speisekarte. Innen war es gefühlt noch voller als in den anderen Restaurants. Hier musste das Essen schmecken. Wir beschlossen hier zu bleiben und notfalls auf einen freien Tisch zu warten. Die junge Servicekraft hinter der Theke hatte uns erspäht und winkte uns zu sich rüber. Wir sollten doch an der Theke Platz nehmen. Was wollten wir mehr. Wir hatten einen Platz, konnten direkt unsere Essensbestellung aufgeben und saßen direkt an der Quelle, sogar ein Fernsehgerät auf dem wir das WM-Spiel verfolgen konnten war in Sichtweite. So, oder so ähnlich fühlt sich wohl das Paradies an…. Nach einem sehr leckeren Essen und zwei Bieren waren wir reif fürs Bett. Beim Zahlen fragte unsere nette Bedienung ob wir auch noch auf das Altstadtfest gehen würden. Altstadtfest? Der Gedanke an unsere enge Abstellkammer ließ uns neugierig nachfragen. Ganz Hoorn feierte an diesem Wochenende das Altstadtfest, mit 7 Livebühnen, verteilt in der ganzen Stadt und jede Menge anderen Events. Naja, mal kurz über den Festplatz schlendern und einen Absacker nehmen, nicht mehr; das war schon Okay. Wir zahlten und machten uns auf den Weg ins Getümmel. An der ersten Livebühne angekommen, war die Party schon in vollem Gange. Eine tolle Band gab ordentlich Gas und die blonde Sängerin tobte in Helen Schneider-Manier in engen Lederhosen über die Bühne. Die Stimmung war gut und wir orderten am Getränkestand zwei Heinecken. Man reichte uns zwei 0,1 l Plastikbecher. „Okay, danke, ist gut, wir nehmen die Flasche!“ Was sollten wir denn mit diesen Probiergläschen anfangen? Wir orderten ein Tablett und mischten uns unter die Leute. Es wurde natürlich doch viel später, als wir eigentlich vorhatten, aber wir hatten einen Mordspass. Die Holländer feierten Ihren Sieg und wir mit Ihnen. Wir tanzten mitten auf der Straße und als dann noch gegen Mitternacht „Die kleine Kneipe“ gespielt wurde sangen wir aus voller Kehle mit - wir auf Deutsch, der Rest auf Holländisch…

 

 

 

3. Etappe - Von Horn nach Den Oever - 84 km

Wir erwachten am frühen Morgen. Das Kreuz tat weh von den schmalen, kurzen und unbequemen Betten und der Kopf… Das eine oder andere Probiergläschen war wohl doch schlecht gewesen. Wir rappelten uns aus dem Bett. Nach einer Dusche und dem ersten Kaffee erwachten unsere Lebensgeister. Draußen war es noch ruhig. Wir zahlten und zwängten die Räder durch die schmale Gasse und sattelten auf. Die Straßenmeisterei beseitigte gerade die letzten Reste der abendlichen Festlichkeiten. Wir fuhren durch die Altstadt und waren begeistert von den schönen, alten Gebäuden der Hafenstadt. Wir passierten auch die eine oder andere Bühne vom Vorabend und waren froh, dass wir nur eine gesehen hatten. Im Hafen hielten wir noch einmal kurz an um dann Hoorn endgültig in Richtung Norden den Rücken zu kehren. Kaum hatten wir Hoorn verlassen trafen wir wieder einen alten Bekannten. Unseren Freund, den Gegenwind. Es ging über Schellinkhout und um eine Landzunge entlang des Hoornschen Hop. Wir radelten auf dem Deich und waren gänzlich ungeschützt dem Wetter ausgeliefert. Glücklicherweise hielt sich der Regen etwas zurück, wahrscheinlich blies der starke Nordwestwind die Wolken weg bevor sie sich ihrer Lasten entledigen konnten. Wenigstens hatten wir von oben auf dem Deich einen schönen Rundumblick und konnten auf das Markermeer sehen. So heißt der Teil des Ijsselmeeres in diesem Bereich. Es folgten lange Stücke ohne, dass sich etwas an der Aussicht änderte, ab und zu gab es mal ein Highlight in Form einer in der Ferne stehenden Windmühle oder einer Schaf- oder Rinderherde. Die wenigen Häuser oder Siedlungen brachten weder Abwechslung noch boten Sie Schutz vor Wind und dem ewigen Nieselregen. Wir hatten am Vortag überlegt, ob wir mit dem Zug nach Alkmaar fahren sollten und von dort aus Kurs auf Den Oever zu nehmen. So hätten wir einige Kilometer gespart. Wir hatten uns dagegen entschieden, schließlich waren wir ja nicht zum Spaß hier. Mit jedem Kilometer mehr durch diese Eintönigkeit bereuten wir diesen Entschluss mehr. Immer weiter nach Norden, Kilometer um Kilometer, immer das Meer auf der Rechten, Wiesen und Felder auf der Linken, Wasser von oben und den Wind von vorn. Es ging über Kraaienburg, Oosterleek, De Weed und Tresluis bis nach Broekerhaven. Endlich mal etwas Wetterschutz und ein wenig Abwechslung. Wir fuhren entlang des kleinen Boothafens und passierten die Schleuse. Der Radweg war an der Schleuse so niedrig, dass wir Mühe hatten unsere Räder durch die enge Passage zu schieben ohne Gefahr zu laufen mit dem Kopf anzustoßen. Es ging mitten durch das beschaulliche Städtchen bis wir nach rechts abbogen um durch Westeinde nach Enkhuizen zu fahren. Unterwegs wurde der Regen wieder stärker, dafür ließ der Wind etwas nach. Enkhuizen ist eine sehr schöne kleine Hafenstadt mit einigen Sehenswürdigkeiten. Bei schönem Wetter hätte man bestimmt irgendwo ein schönes Café finden können um bei Sonnenschein ein wenig die Seele baumeln zu lassen. Ein vorbeifahrendes Auto holte beim Durchfahren einer großen Pfütze mit einer Dusche unsanft aus unseren Träumen. Wir radelten wie die sprichwörtlich, begossenen Pudel durch die nasse Altstadt, vorbei am Sproekjes Wonderland und dem Freillichtmuseum. Bei schönem Wetter bestimmt sehr interessant. Wir radelten aus Enkhuizen heraus und hatten zum strömenden Regen auch noch gegen den stürmischen Gegenwind zu kämpfen. Hätten wir nur den Zug nach Alkmaar genommen…. Was nun kam war eine lange Gerade. Rechts war der Deich und in der Ferne sah man einen Leuchtturm der aber, obwohl wir tapfer strampelten, irgendwie nicht näher kommen wollte. Nach einer gefühlten Ewigkeit passierten wir den Turm und bogen leicht links ab um ein kurzes Stück bis Oosterdkjk zu radeln. Dort bog der Radweg in ein ruhiges Wohngebiet ab und bescherte uns eine Ruhepause vor Wind und Regen. Der Regen hatte nachgelassen, aber der Wind frischte nochmals auf und blies uns mit aller Gewalt ins Gesicht als wir aus dem Wohngebiet heraus in Richtung Andijk fuhren. In Andijk bot uns der hohe Deich wieder etwas Schutz und wir fuhren weiter bis zur Einfahrt zum Vakantjedorp Het Grootslaag. Dort hatten einige Sammler alter Traktoren und Landwirtschaftlicher Geräte gerade eine kleine Ausstellung. Wir nutzen das zu einer kleinen Pause und vertraten uns auf dem Gelände ein wenig die Füße. Lange konnten wir nicht pausieren, denn der einsetzende Regen mahnte uns zur Weiterfahrt. Missmutig strampelten wir mit gesenktem Kopf weiter. Es ging über Wervershoof, Onderdijk und Grote Vliet nach Medembllik. Ebenfalls eine schöne kleine Stadt mit Kaasmarkt und schönem Hafen am Ijsselmeer. Bei der Ausfahrt von Medemblick hörte es endlich auf zu regnen und sogar die Sonne blinzelte hinter der grauen Mauer hervor. Die folgende Etappe forderte alles von uns. Ordentlich Gegenwind von vorne links kämpften wir auf der längsten Gerade unserer Radfahrkarriere um jeden Meter. Mit Spitzengeschwindigkeiten 12 km/h und weniger, immer auf der kleinsten Schaltstufe, mauserte sich dieses Teilstück zum Akt der reinen Willenskraft. Rechts der Deich, links die Wiesen. In der Ferne, weit, weit, weg bog der Deich nach links ab – eine Kurve. Dort musste Den Oever liegen. Ab und zu, in fast regelmäßigen, aber zu weit auseinander liegenden Abständen, bescherte uns ein Aussiedlerhof ein wenig Windschutz. Wir legten uns ins Zeug um nach dem Windschatten wieder auf die Minimalstgeschwindigkeit herabzufallen. Die Kurve kam nicht näher. Jeder Berg, den wir mit unseren Rädern schon erklommen hatten, war irgendwann bezwungen und es ging wieder bergab, aber das hier war schon heftig. Ohne auch nur einmal den Freilauf zu benutzen keulten wir geradeaus. Wenigstens fing die Sonne nun an, sich durchzusetzen. Als wir auf dem Deich auch noch Lamas zu sehen bekamen, trauten wir unseren Augen zunächst nicht und schoben das auf die Anstrengungen. Langsam, ganz langsam kam die Kurve näher. Jetzt nicht aufgeben, gleich ist es geschafft. Die Kurve kam endlich und da es eine Linkskurve war fuhren wir nun direkt gegen den Wind. Sch…., wer hatte eigentlich behauptet, eine Tour ums Ijsselmeer wäre ein Kinderspiel? Wenn wir den erwischen würden… Nun ging es auch noch leicht bergauf, das volle Programm. Der in der Ferne liegende Wald war nun unser nächstes Ziel. Wir gaben alles. Endlich mit der Einfahrt in den Wald herrschte abrupte Windstille. Herrlich, das Radeln machte auf einmal wieder Spaß, es rollte endlich wieder. Zwar war der Weg sehr bescheiden und führte als sandiger Pfad mitten durch den Wald. Das war uns egal, Hauptsache erst mal kein Wind. Nun hatten wir auch wieder Zeit uns den Dingen am und neben dem Weg zu widmen. Es war schon interessant, dass der sandige Pfad übersäht war mit Muscheln. Muscheln im Wald, wer hat so was schon mal gesehen? Wir genossen noch ein wenig die Ruhe mit Vogelgezwitscher und Grillenzirpen bevor der Wald sich plötzlich lichtete und wir wieder auf freiem Feld standen. Nun konnte es nicht mehr weit bis Den Oever sein. Man sah schon den Abschlussdeich in der Ferne. Nach einer kurzen Rast starteten wir wieder mit frischem Mut, radelten tapfer weiter und überquerten die Schnellstraße die zum Abschlussdeich führte. Wir waren in Den Oever angekommen. Wir fuhren durch den Ort und machten uns auf die Suche nach unserer Unterkunft. Für heute hatten wir uns ein privates Domizil ausgesucht, das wir uns schon im Internet gesehen hatten und das mit Bed & Bike geworben hatte. Zunächst suchten wir vergeblich und mangels vernünftiger Netzabdeckung streikte auch Google Maps. So stießen wir zunächst mitten in Den Oever auf eine schöne, gut erhaltene, funktionstüchtige Windmühle. Von dort aus machten wir noch eine unfreiwillige Stadtumrundung um dann mitten im alten Ortskern mehrmals unbemerkt an unserer Unterkunft vorbeizufahren. In der Nähe der Deichtore hatten wir schon fast aufgegeben und überlegten eine Alternative zu suchen. Ein kurzer Blick aufs Handy zeigte, das zumindest das Telefonnetz wieder erreichbar war. Wir riefen bei unserer Vermieterin in Spe an und erkundigten uns nach der Adresse. Zu unserer Überraschung waren wir nur ein paar Meter entfernt und machten uns auf den Weg. Da war es ja endlich, das blaue Haus, Het Huis van de Wadden. Wir wurden freundlich empfangen. Die Dame war Künstlerin und hatte einfach das Nachbarhaus dazugekauft um es Touristen zur Verfügung zu stellen. In diesem Haus dominierten zwei Farben. Blau und, wie auch sonst, Orange. Wir hatten Glück und bekamen den blauen Bereich zugewiesen. Alles was Blau war durften wir benutzen. Blaues Schlafzimmer, blaue Toilette, blaues Bad. Alles Orangene war tabu. Alles was nicht blau oder orange, war durfte gemeinschaftlich genutzt werden. Dies war unter anderem eine voll ausgestattete Küche, in der die Zeit seit den 50ern stehen geblieben zu sein schien. Wir hatten selten eine solche Ansammlung von Antiquiertem gesehen. Das Wohnzimmer war zu einer Art Bühne umfunktioniert worden. Es gab sogar Scheinwerfer und eine Musikanlage. Eine Bar mit Hockern und einem Fernseher rundete das Angebot ab. Hier, so beschlossen wir, wollten wir den Abend ausklingen lassen. Überall im Haus waren Bilder, Skulpturen und andere getöpferte Kunstgegenstände unserer Vermieterin zu sehen. Es war absolut chaotisch, aber trotzdem war es sehr gemütlich und man konnte überall sehen, dass zwar mit wenig Geld aber mit sehr viel Liebe zum Detail eingerichtet wurde. Wir wollten schnell duschen und dann mit dem letzten Tageslicht noch den Ort zu erkunden. Da es im Haus ursprünglich nur ein Bad gegeben hatte, wurde das Problem ebenso einzigartig, wie einfach gelöst. Von der Mitte der ursprünglichen Tür war der Raum mittig abgemauert und teilte das alte Bad in zwei separate, winzige Nasszellen. Eine in blau, die andere in Orange. Der Einfachheit halber wurde die alte Tür einfach in der Mitte durchgesägt und nun öffnete sich der blaue Teil nach links und der Orangene gab das Mini Bad nach rechts frei. Nach dem der erste geduscht hatte, brauchte man im Bad ein Radar, um die Wasserhähne zu finden. Es gab nämlich kein Fenster und der winzige Ventilator lief auf höchster Drehzahl ohne auch nur den Hauch einer Chance zu haben. Kurze Zeit Später starteten wir unsere Erkundungstour. Wir liefen eine Weile auf dem Deich und hatten einen Wahnsinnsblick auf die Nordsee mit der untergehenden Sonne. An der Landspitze befand sich der Hafen mit allerlei Kuttern, Kränen und einer Fischhalle. Frischer als hier würde es wohl keinen Fisch mehr geben und wir beschlossen an diesem Abend einen eiweißreichen Imbiss zu uns zu nehmen. Große Schilder kündigten ein Fischrestaurant mit Namen Basalt an. Mitten im Hafen, direkt an der Mole gelegen hätte das Gebäude im achteckigen Design eher zu einer Fastfoodkette gepasst, aber wir waren nicht mehr wählerisch. Wir nahmen mitten im spärlich besuchten Saal Platz und studierten die Karte, die leider nur in Holländisch zur Verfügung stand. Auch die Bedienung konnte mangels Deutsch- und Englischkenntnissen nicht wirklich helfen. Wir bestellten einen Fischplatte und eine hele Scholle, wohl eine hell gebackene Scholle. Zu unserer Überraschung wurden uns zunächst unzählige kleine Schalen mit allem möglichen gereicht, Pommes Frites, verschiedene Gemüse mit und ohne Sauce, Bratkartoffeln, Preiselbeeren und der in Holland übliche Apfelbrei. Wir hatten Hunger und naschten schon mal von den leckeren Kleinigkeiten. Als dann der Fisch kam erfuhren wir, dass unsere mangelnden Kenntnisse der holländischen Sprache nun uns einen Streich gespielt hatten. Hele Schole heißt frei übersetzt eine heile Scholle, also ein ganzer Fisch. Komplett mit allem Drum und Dran. Ein Riesenteil, das in allen Richtungen über den Teller ragte. Die Portion hätte für uns beide gereicht. Erneut nahmen wir an diesem Tag den Kampf auf, dieses Mal gegen einen Fisch.

 

 

 

4. Etappe - Von Den Oever nach Lemmer - 79 km

Trotz des feudalen Males am Vorabend erwachten wir am nächsten Morgen und verspürten ein wenig Hunger. Das lag wahrscheinlich vor allem daran, dass sich verführerischer Geruch durch das blaue Haus schlich. Es roch fantastisch nach frisch gebackenem und frisch gebrühtem Kaffee. Wir beeilten uns aus den Betten zu kommen und nahmen alsbald am gedeckten Frühstückstisch unserer Gastfamilie Platz. Wir wurden regelrecht bemuttert. Es gab alles was das Herz begehrte, sogar einen Kuchen hatte unsere Künstlerin für uns gebacken. Wir stärkten uns und kamen schnell mit dem Familienoberhaupt ins Gespräch. Wie sich herausstellte organisierte dieser mit ausgedienten Schlauchbooten der Niederländischen Armee Ausflüge zu den nahe gelegenen Robbenbänken. Bis zu 20 Personen fanden in so einem Schlauchboot Platz. Schade, dass wir so wenig Zeit hatten, das wäre bestimmt spannend gewesen. Wir schimpften ein bisschen über den ständigen Gegenwind und dessen Stärke. Unser Kapitän beruhigte uns mit einem Blick in die Zeitung: „Heute wird es nicht so wild, ideales Wetter für den Abschlussdeich, nur ein bisschen Wind, Windstärke 6, höchstens 7!“ Wir erschauderten, wie sieht hier wohl richtiger Wind aus? Schnell wechselten wir das Thema und machten uns nach einer weiteren Tasse Kaffee ans packen der Räder. Dabei lernten wir die Bewohnerin des orangenen Bereichs kennen, die wir am Vortag nur kurz gesehen hatten. Wie sich herausstellte, war die alte Dame eine pensionierte Lehrerin aus Buxtehude und ebenfalls mit dem Fahrrad unterwegs. Sie erzählte, dass sie diese Tour schon oft gefahren sei. Früher wäre Sie schon von dort aus losgefahren, aber das können sie nicht mehr. In ihrem Alter von über 70 Jahren würden ihr die Umrundung des Ijsselmeers und die Heimfahrt nach Buxtehude genügen. Wir staunten nicht schlecht, da konnten wir uns noch eine Scheibe abschneiden. Zu unserer Beruhigung erzählte uns das alte Mütterchen, dass Sie am Vortag zwar die gleiche Etappe, wie wir gefahren sei, aber für einen Teil der Strecke, aufgrund des Gegenwindes auf die Bahn umgestiegen sei. Wir wollten eine so erfahrene Radlerin nicht unbedingt herausfordern und starteten bei Sonnenschein in Richtung Abschlussdeich. Schnell lag er vor uns: 32 km schnurgerade aus, in Fahrtrichtung links die Nordsee, 90 m breit mit eigenem Radweg und rechts Autobahn und Ijsselmeer. Kaum hatten wir dem Windschutz der Schleuse Stevinsluizen verlassen, trafen wir auf die leichte Brise, die unser Herbergsvater schon beim Frühstückstisch erwähnt hatte. Der wind kam von vorne links und blieb stetig in gleicher Stärke. Wir fraßen Kilometer. Immer das gleiche Bild. Einzige Abwechslung waren die Autos, die mit sonorem Summen an uns vorbeirauschten. 9.500 Fahrzeuge passieren jeden Tag diese Strecke. Nach knapp einer Stunde hatten wir die Hälfte geschafft und gönnten uns eine kurze Pause um einen Müsliriegel zu essen und ein paar Bilder zu schießen. Die Silhouette einer einsamen Radfahrerin, fortgeschrittenen Alters in der Ferne ließ uns wieder aufbrechen. Die alte Dame war flott vorangekommen, obwohl sie nach uns gestartet war. Wir wollten uns dieser Schmach nicht aussetzen und starten mit beherzten Tritten in die Pedale, nur noch 16 km! Als wir nach einer weiteren Stunde die Schleuse Lorentzsluizen passierten und endlich den Abschlussdeich überwunden hatten machten wir eine weitere Pause und gönnten uns einen weiteren Riegel. Es dauerte nicht lange, bis unsere ältere Dame mit flottem Tempo winkend an uns vorbei radelte. Sie war mit einem ganz normalen Damenrad unterwegs, ohne großartige Schaltung und irgendwelchem Firlefanz. Sie war adrett gekleidet und hätte so, wie sie war problemlos zu einem Kaffeekränzchen oder Altennachmittag radeln können. Nur der moderne Helm passte nicht so ganz zum Gesamtbild. Wir waren beeindruckt und wünschten uns insgeheim, dass wir in solch fortgeschrittenen Alter auch noch diese Kondition und Fitness hätten. Wir schauten ihr noch eine Weile nach und machten uns dann auch wieder auf den Weg. Wir kamen uns fast lächerlich vor, wir mit unseren modernen Treckingrädern, 24 Gängen, Federung und sonstigem High Tech Material. Gedankenversunken radelten wir eine Weile weiter, bis der Radweg nach rechts abbog. Nun ging es plötzlich mit Rückenwind weiter. Welche Wohltat, das erste Mal seit Beginn der Radtour. Es war wie Weihnachten und Ostern zusammen. Plötzlich fuhren wir trotz Gepäck einen 25er Schnitt. Es machte richtig Spaß und wir genossen diesen Luxus. Es ging über Piiam und Gaast, vorbei an Ferwoude bis nach Workum. Dort wollten wir es der alten Dame gleichmachen und aufgrund der fortgeschrittenen Zeit, eine Strecke mit der Bahn fahren. Lauf Radführer war diese Strecke ohnehin nicht gut ausgebaut, also sparten wir uns das und fuhren bis S tavoren mit dem Zug. Noch ein paar Lekkerbäckjes am Fischimbiß zum Mittagessen und schon ging es wieder flott weiter über Laaksum, vorbei an Bakhuzen und Rijs, die Strecke ging teilweise durch Wiesen und Felder weit weg vom Ijsselmeer, teilweise durch Wald der ein wenig Schutz vor dem Wind gab. Ja er war wieder da, ganz heimlich hatte er sich als laues Lüftchen wieder zu uns gesellt als wir aus dem Zug gestiegen waren. Da wir nun wieder in Richtung Osten unterwegs waren kam er uns wieder frontal entgegen. Wir kämpften tapfer dagegen an. Der Wind kämpfte tapfer gegen uns. Wir waren uns im Klaren, dass wir diesen Kampf nicht gewinnen konnten, aber so schnell wollten wir auch nicht aufgeben. Wir stärkten uns noch mit einer Tasse Kaffee und einem Stück Obstkuchen in Nijemirdum bevor es wieder weiter ging. Unterwegs sahen wir einige Strandsegler, die sich über die ordentliche Brise bestimmt freuten. Nach einiger Zeit fuhren wir in Lemmer ein. Ein kurzer Blick auf den Tacho, 333 km – es reichte. Kein Meter mehr weiter. Erschöpft kapitulierten wir. 333 km gegen den Wind - wir riefen unseren Bekannten an und gaben Ihm unsere Position durch. Nach gut einer Stunde saßen wir im Auto und befanden uns auf dem Weg nach Nordhorn. So hart hätten wir uns die Strecke um das Ijsselmeer nicht vorgestellt. Es fehlten nur noch ein paar Kilometer bis zurück nach Kampen, wo wir vor drei Tagen gestartet waren, aber keiner von uns beiden wollte auch noch nur einen Meter weiter fahren. Wir ließen den Abend bei einem gemeinsamen Abendessen mit unserem Bekannten ausklingen und fuhren am nächsten Morgen wieder zurück nach Hause. Über eines waren wir uns sicher, noch einmal würden wir eine, so augenscheinlich leichte Strecke nicht mehr unterschätzen; 333 km ums Ijsellmeer – von wegen „lächerlich“

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